aus dem leben eines fliessbandarbeiters
deutscharbeit
Nach dem dreißigsten LKW war er wieder an dem Punkt angelangt. Seine Muedigkeit war soweit verflogen, dass er sich nicht mehr in sie vor dem tristen Arbeitsalltag fluechten konnte. Er war erwacht. Nun auch geistig. Und er war nicht wirklich erfreut darueber. Jetzt musste er sich eine andere Zuflucht suchen. Einen anderen Schutz vor der immerwaehrenden Monotonie die sich in der ganzen Halle wie schleichender Nebel ab dem Zeitpunkt seines Erwachens auszubreiten schien
Aber er war geuebt. Er arbeitete zwar noch nicht lange dort, aber er hatte auch nur einen Tag gebraucht um die Arbeit zu lernen, einen weiteren Tag, um sie sich gelaeufig zu machen und dann noch einen Tag, um sie sich ermuedend zu machen. Aber was tun. Was tun in der Einoede dieser Arbeitsstadt. Dieser riesigen Halle, deren Ausmaße er nie ueberblicken konnte, da ihm der Blick nach hinten, hinter seinen Ruecken also, versperrt war, durch lange Regalwaende die Schrauben, Bleche, Muttern, Beilagscheiben und andere Verbrauchsgueter der Fliessbandmontage verwahrten. Und vor ihm dieses immerzu aktive Foerderband, das Lastwagen um Lastwagen befoerderte.
Alle 5 Minuten 36 Sekunden ein neuer. 74 am Tag. Mehr noch sollten es werden, hoerte er beizeiten von seinen erfahreneren Kollegen, die immer Neuigkeiten von irgendwoher bekamen, die sich dann schneller ausbreitete, als ein Fehler in einem Lastwagen, der sich sofort nach vorne und hinten, aufgrund der Aufbauenden Struktur der einzelnen Arbeiten, fortpflanzte.
Das war ihm jedoch egal, er zaehlte die Lastwagen nicht. Er arbeitete einfach dahin. Das war das Problem. Einfach dahinarbeiten. Wenn es Stress gab, wenn ein Fehler passierte, dann verging die Zeit, dann musste er sich nicht in parallele Welten befoerdern, um sich abzulenken, dann verging die Zeit von selbst.
Er brauchte keine Uhr, er las die Zeit an vorbeiziehenden LKWs und den Gongs vor und nach den Pausen und dem Anfang und Ende des Tages ab. Des Tages dachte er, nicht des Arbeitstages. Was war auch schon nach der Arbeit. Er vor allem muede.
Ansonsten dachte er nach. Nicht ueber die wichtigen Dinge der Welt, sofern es solche fuer ihn gab, nein, ueber belanglose Situationen, die er immer wieder neu erfand. Ueberhaupt war alles erfunden, alles erdacht, was er sich immer wieder durch den Kopf gehen ließ, waehrend er automatisch und robotergleich wie in Trance seine Arbeit machte. Ein ums andere Mal. Alle 5 Minuten 36 Sekunden.
Um nicht in der Arbeit unterzugehen, sich in diesem Einheitsbrei, dieser Eintoenigkeit, dieser Abgeschmacktheit zu verlieren und dann nervoes und fast neurotisch zu versuchen die Zeit durchzustehen die es noch dauern wird, bis der erloesende Gong erklingt. Die Zeit, die man ueberbruecken muss, bis dieser Ton, Engelszungen gleich, befreiend einen aus der Einfoermigkeit errettet und in die Pause, dieser kurzen Zeit der Ruhe, die vor allem deshalb so kurz ist, weil es da wieder Zeit gibt, weil man da wieder auf die Uhr schauen muss, um sich zu versichern, dass man ja noch Zeit hat, und sich damit in Wirklichkeit nur bewusst macht, dass man sie eben nicht hat, dass sie eben gerade, in diesem Augenblick verfliegt, verrinnt, verdunstet und verdampft, bis sie einen in den lange ersehnten freien Nachmittag entlaesst.
Frei war der Nachmittag jedoch nicht. Er war besetzt von der Muedigkeit des Tages. Diese Muedigkeit drueckte ihn hinunter, liess ihn tatenlos zuhause sitzen, vor dem Fernseher oder dem Computer sich berieseln und eigentlich rein gar nichts tun.
Wieso auch?