Fasnacht
published on 2012-03-10 17:59:55 by Jürgen Buchinger in deutsch.
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Da war ich also, kurz vor vier Uhr morgens am Spalenberg (also mitten in der Stadt) und erwartete den beginn der drei Tage dauernden Festlichkeiten. Wir hatten die Nacht in einem Club ausgeharrt und uns dann bis hierher durchgekämpft, durch bereits wartende Menschenmassen, man würde hier gut sehen, hieß es. Pünktlich – noch ist nicht der Ausnahmezustand angebrochen, noch läuft alles wie nach Plan, normal, geregelt – geht das Licht aus. In der ganzen Stadt. Dann beginnen die Cliquen durch die Straßen zu ziehen, Piccoloflötenchöre begleiten die leuchtenden Laternen, übermannshohe leuchtende und handbemalte Kuben, die das Sujet der Gruppe zeigen: meist politische Themen des vergangenen Jahres aber auch Jubiläen der meist sehr traditionsreichen Gruppen werden hier gefeiert.

Eine verkleidete Clique.

Wir wechseln den Platz, da der unsrige doch nicht so gut ist. Zahlreiche Cliquen ziehen vorbei, tausende Menschen stehen um uns und auf unseren Füßen, wir haben Mühe zusammen zu bleiben und kalt ist es auch also spalten wir uns von den anderen ab und gehen, uns an Händen haltend, den Morgenstraich gebührend zu beschließen. Wir essen Chäswaie.

Ein Waggis bei der Räppli-Attacke.

Die nächsten drei Tage sollte es in der Stadt ungefähr gleich ablaufen: Um 13:30 Uhr beginnt der Cortège und dann ziehen scheinbar ohne Ende Cliquen, Waggiswägen und Guggenmusiken durch die Straßen. Die Cliquen sind kleine bis sehr große Gruppen, die ihrem Sujet entsprechend verkleidet sind, eventuell auch eine Laterne führen und meist auch noch Piccoloflöten spielen; Guggenmusiken sind eigentlich Blasmusiken, aber mit etwas verstärktem Perkussionisten-Repertoire. Und dann die Wägen, auf denen Waggis stehen und auf Zuruf oder ohne dir Orangen zuwerfen, meist so viele bis du keine mehr tragen kannst, oder Süßigkeiten; und die an Frauen und Mädchen Mimosen verteilen. Die aber auch, trägt man keine Blaggedde sichtbar am Revers, dich mit Räppli überschütten. Daneben scheinen sie andauernd Schimpftiraden abzulassen, die ich nie verstand.

Alle Teilnehmer des Cortège verschleiern ihre Identität mit riesigen Larven.

Außer all das erleben zu dürfen hatte ich noch das Glück, dass mir eine Fasnachts-Ausgabe der Basler Zeitung in die Hände fiel, die mir das Ausmaß der Tradition erst bewusst werden ließ. Manche Cliquen blicken bereits auf eine über hundertjährige und meist illustre Geschichte zurück und auch die Geschichte der Fasnacht war nicht immer ohne Skandale, Revolutionen und anderer denkwürdiger Ereignisse. So zum Beispiel wie die Kuttlebutzer 1974 am Marktplatz beim Fasnachtscomité eine Tischbombe gezündet hatte und den ganzen Marktplatz in einer Wolke aus Räppli verschwinden ließ; oder wie die Ueli 1876 im Jahre 1990 ein alternatives Ueli-Revolutions-Brysdrummle parallel zum offiziellen Preistrommeln veranstalteten. Der Preis des im Salon des nations des Hotels Hilton stattfindenden Wettkampfes war, und das sorgte für noch mehr Diskussion als die Geste alleine schon – ein Muni. Oder wie die Mitglieder der Gesellschaft zum Römer 1982 gar eine Fasnachtsrangliste erstellten.

In seinem „Fasnachtsessay“ in eben jener Beilage der Basler Zeitung schreibt Lukas Holliger, der bereits von Kind an diesen Tagen beiwohnen durfte:


... das seltsame Vergnügen, in der Lage zu sein, jederzeit Räppli zu verlieren. Aus unfassbaren Ritzen unserer Kleider und Hosentaschen rieseln sie plötzlich zu Boden, Monate nach der Fasnacht, mitten auf dem Prager Flughafen. Theaterschnee.
(Lukas Holliger, Trommeln bis ins Brustbein, in: Basler Zeitung, Fasnacht. 26.02.2012, S.3)

Der Boden voller Räppli. Und das ist noch gar nichts.

Auch wenn in diesem Moment noch ein Räppli auf meinem Schreibtisch liegt, wohl einer dieser unfassbaren Ritzen entfallen, schöner noch als das, und ergreifender noch als dabei zu sein, war das Lesen dieser Geschichten um die Fasnacht, denn sie erst ließen erfassen, dass diese drey scheenschte Dääg nicht nur eine von vielen Regeln begleitete Verrücktheit sind, in der drei Tage lang das geordnete und geregelte Leben (man denke an das Altpapier) unterbrochen wird, nicht ein erweiterter Fasching also, wie man ihn hierzulande kennt, sondern eine echte Tradition. Mit allen ihren Regeln und Regelbrüchen, den Streiterein um den längsten Bestand und was jetzt nun erlaubt ist und was nicht, was sich gehört und wo man sich schon fragt: „Was hat das noch mit Fasnacht zu tun?“. Tradition in einem ehrwürdigen Sinne, aber auch in einem liebenswertem, so wie wir Traditionen vielleicht nur sehen können, wenn es nicht die eigenen sind.

Ein Waggis chillt am Rhein.

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