Entteufelung des technologischen Fortschritts
published on 2008-07-01 00:00:00 by juergen in deutsch.
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Letztens habe ich mit einem interessanten Typen zusammengearbeitet - so einem richtigen Hackler. So einem vom alten Schlag, ist bestimmt schon 40 Jahre in der Firma und hat es bestimmt schon 20 Jahre lang satt, was sich auf seinem Gesichtsausdruck auch ablesen lässt. So einer der harten Sorte, für den als arbeitserleichternde Hilfsmittel maximal noch Handschuhe erlaubt sind. Seit kurzem. Und lange Erklärungen fallen genauso wie jegliche Höflichkeitsfloskeln unter jene nicht benötigten Hilfsmittel.

So jemand, der ab dem Einstempeln bei der Stempeluhr nur noch denkt "6i muas wean!" und auch genau so eine Laune hat. Aber seinen Job macht er gut. So gut, dass in der 2ten Generation seine Kinder wohl mit magnetischen Greifzangen statt Händen auf die Welt kommen würden, der Evolution wegen.

Kein Wunder aber, wird man in so einer Fabrik der Massenfertigung als Arbeiter doch zur Maschine degradiert. Der Arbeitsplatz angepasst den Abmessungen des menschlichen Arbeitsroboters. Mit anziehbaren Handmagneten werden die körperlichen Unzulänglichkeiten den industriellen Anforderungen angepasst. Und während man also physisch in seine Maschinenrolle gedrängt wird, fügt man sich langsam auch psychisch in selbige Rolle: Die Umgebungslautstärke lässt ein Arbeiten nur mit Gehörschutz zu, was die interkollegiale Kommunikation auf ein Minimum beschränkt (das heißt, zwei Minuten um die Arbeitsanwesungen zu erklären).

Acht Stunden am Tag also, arbeiten in einem sowohl psychisch wie physisch die eigene Industrialisierung - sprich Vermaschinlichung, also umgekehrt Entmenschlichung - suggerierendem Ambiente. Dass so eine Beschäftigung bereits nach kürzerer Zeit vor allem körperliche Schäden oder zumindest Unannehmlichkeiten - schon durch die dauernde Wiederholung kurzer Bewegungsabläufe, Verletzungen also gar nicht berücksichtigend - aber nach längerer Zeit sicherlich auch psychische Veränderungen mit sich bringt, ist offensichtlich.

Jetzt wird aber des öfteren postuliert, der Fortschritt, die Industrialisierung sei nicht unbedingt gut, sondern vielmehr fraglich, werden doch durch die stetige Weiterentwicklung der Technik viele menschliche Arbeitskräfte ersetzt durch Maschinen, Arbeitsplätze somit abgebaut. Auch wo ich gerade arbeite, tritt dieses Phänomen auf, es gibt zum Beispiel Roboter, die Blechplatten aus Pressen nehmen und in andere schlichten, also genau die Arbeit übernehmen, die sonst die Arbeiter machen. Obige Erläuterungen und die eigene Erfahrung berücksichtigend, kann man sagen, es ist nur wünschenswert, dass solche Arbeitsplätze ersetzt und weiters von Maschinen bedient werden. Ich denke, nach bisher geschriebenem, eine Arbeit, die eine Maschine ebenfalls verrichten könnte, sollte nicht von einem Menschen verrichtet werden.

Hier wird das Argument der Arbeitsplatzsicherung gebracht werden. Der zukünftige Arbeitsmarkt wird früher oder später - der Fortschritt ist ohnehin nicht aufzuhalten - keine "Arbeiter"-Jobs mehr bieten - die Arbeit der Zukunft wird im Kopf verrichtet. Beziehungsweise im Umgang mit Menschen. Was also in Zukunft von Menschen gemacht werden wird - und auch sollte, ausnahmslos - sind Jobs, die geistige Arbeit, Kreativität und/oder Kundenkontakt verlangen. Alles, das Maschinen nicht können, Menschen dafür umso besser, Dinge, die zu tun, Menschen sogar ein Bedürfnis haben. Die Interaktion mit Menschen und das kreative, also schöpferische Tun.

Und wo sollen diese Jobs geschaffen werden? - Ganz einfach. Der Abbau jeglicher Jobs, die nur körperliche Arbeit verlangen, wird nicht nur ein gesteigertes Angebot an (nunmehr psychischer oder sozialer statt physischer) Arbeitskraft bieten, sondern auch eine um das selbe Maß gesteigerte Nachfrage nach all jenen Produkten geistiger Arbeit und Kreativität, also nach einem großen, breit gefächertem Angebot an Kultur, Büchern, Filmen, Theaterstücken, ...

Warum? - Die Menschen, die heute noch müde und ausgebrannt aus der Arbeit kommen und aufgrund mangelnder Energien für Anderes sich nur berieseln lassen (wollen) von einem stupiden und deshalb keinerlei Aufmerksamkeit oder Anstrengung fordernden Fernsehprogramm, werden diese Energien dann schon haben. Energien um zu Lesen, ins Theater zu gehen, anspruchsvolle Filmproduktionen zu sehen... werden also konsumwillig sein für das Angebot an Produkten geistiger Arbeit und Kreativität. Und um ebendies alles zu vertreiben werden weitere Arbeitskräfte im Bereich Kundenkontakt und Promotion, Verbreitung benötigt.

Durch den Abbau jener rein physischen Arbeitsplätze also, der durch den Technologiefortschritt und seine Entteufelung als Arbeitsplatzvernichter vonstatten gehen muss, wird somit nicht nur der Arbeitsmarkt eine gravierende Änderung erfahren, sondern die ganze Gesellschaft. Wo jetzt Trivialkultur herrscht und das hervorbringt, was wir zur Zeit im Fernsehen und gewissen Boulevardprintmedien sehen, wird eine breit gefächerte, ernstzunehmende Kulturlandschaft entstehen, die endlich die Wahr- und Wichtignehmung in breiten Bevölkerungsschichten erfahren wird, die vielen Kulturprodukten heute noch verwährt wird.

Das diese Änderung nicht von heute auf morgen passieren wird, es aus systemimmanenten Gründen gar nicht kann, ist klar. Das sie passieren wird aber ebenso, der technologische Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Das wir ihn aber forcieren sollten - und alle seine arbeitsmärktlichen Konsequenzen -, das ist leider noch nicht so klar.

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 published on 05.07.2008 by christian feingold
ich halte deine überlegungen in bezug auf die maschinelle umformbarkeit von bisher durch menschenhand verrichteten arbeitsabläufen für realistisch und ehrbar in der absicht, den vielerorts nostalgisch verklärenden, sich in fingierte goldene zeitalter verstrickenden und somit in die leere kritisierenden meinungen gegen den strich zu bürsten. in ihrer aversion und unsicherheit gegenüber einer zukunft, die sich zu jeder zeit ausschließlich in den erwartungen und intentionen der köpfe der gegenwart widerspiegelt, stemmen sich jene mit aller gewalt gegen den wind des zukunftgedankens und finden in ihrer verzweiflung keinen besseren oppositionsstandpunkt, als den wind in ihrer vorstellung dorthin wehen zu lassen, woher er kommt - und das ist absurd und illusorisch. genauso absurd und illusorisch wäre es, dem strom vorauseilen zu wollen, um seinen lauf zu kennen ehe er selbst ihm folgt. der lauf der geschichte ist rückblickend immer ein logischer, nach regeln sich richtender notwendiger, in dessen strang jede faser den vorhof für eine andere bildet (und auch die vergangenheit repräsentiert sich uns nur über ihre dokumente in der gegenwart - wie vollkommen oder mangelhaft diese auch sein mögen). unser blick auf das bevorstehende ist allerdings gerade einmal auf einzelne solcher fädchen beschränkt und auch in deren ansehung fragiler als uns lieb ist. von deren anknüpfenden vortsätzen zu sprechen gleicht einer traumdeutung; die jedoch in ihrer darbietung bereits ein winziges grad an realität, an möglichkeit erhält, der ihr anders nicht zukäme. worauf ich hinaus will: betrachtet man den verlauf der zeit und sämtliche entwicklungen der gesellschaft wie einen bach, dessen herkunft sich einigermaßen klar (aber auch nicht vollständig!) erkunden lässt und schließt aus dieser relativen kenntnis auf die viel ungewissere destination indem man annimmt, der bach kehre dahin zurück woraus er entspringt; wer derart denkt, dem wird man recht leicht naivität unterstellen können. da nimmt sich ein solcher, der mittels der ihm innerhalb seines horizont gegebenen daten über jenen hinaus berichten will schon um vieles vernünftiger aus. dass all diese visionen letztlich noch weit ungewisser, wenn auch schwieriger (ja sogar überhaupt nicht) zu widerlegen sind als jene, die das in seiner ursprünglichen form unwiederbringliche beinhalten, darf man dabei nicht übersehen. hinsichtlich der zunehmenden maschinisierung am orte bisheriger manueller tätigkeit halte ich deine bewertung der zukunft aus der optik der gegenwart für tragfähig, was die idee einer auf kreativität und mental verrichteter arbeit, als letzte genuin vom menschen hervorgebrachte leistung angeht, halte ich diese für überschwänglich in ihrem vorgriff und ihrem anspruch auf universalität für eine ganze gesellschaft. zum glück werden wir in zukunft (und dieser ausblick gründet auf starken indizien innerhalb unseres erfahrungshorizontes) ausreichend gelegenheit haben, uns fragen von dieser art im rahmen unserer wohngemeinschaft eingehender zu widmen. es grüßt und lobt dich für deinen trotz meiner kleinen anmerkung sehr gelungenen text, krzysztof szelsky