Zugfahren ...und so.
published on 2008-07-25 00:00:00 by juergen in deutsch.
related to aus dem leben..., philosophisches | 0 comments

Zugfahren, sagte ich mir einmal mehr, als ich in Valparaiso mit der City-Bahn fuhr, ist eine tolle Sache. Ich fahre gern Zug. Besonders lange Strecken. Das ist wie nichts tun, aber dann doch etwas zu verrichten. Das gleiche Phänomen tritt bei eigentlich allen Fahrten über längere Strecken auf, sei es im Bus, Zug, Auto, im Flugzeug schon weniger, da die zerstreuende Landschaftsbühne fehlt, da liest man, da sieht man Film, da ist alles schon zu steril. Grundsätzlich aber auch dort. Das Tolle ist die Möglichkeit, nachzudenken. Sich zuhause einfach hinzusetzen und nichts zu tun ist quasi unmöglich. Dabei auch einfach noch nachzudenken noch weniger. Unsere Sinn-Gesellschaft zwingt uns ständig, den Gedanken auf, etwas sinnvolles (soo sinnvoll muss es im Grunde genommen gar nicht sein, der Anschein der Beschäftigtheit reicht schon aus um uns zu beruhigen) tun zu müssen und lässt uns nicht in Ruhe denken. Im Zug, beim Reisen, tun wir etwas, auf jeden Fall. Wir reisen. Wir bewegen uns fort (bewegt man sich beim nach Hause Resien auch fort, oder bewegt man sich heim, wäre nicht heimbewegen also der korrekte Terminus?), sowieso. Ohne unser Zutun, ganz von selbst (von selbst natürlich nicht, aber ohne unser unmittelbares Zutun), egal, wie wenig wir in Wirklichkeit tun.
Dieser Blankoscheck der Beschäftigtheit (nicht Beschäftigung, das wäre etwas ganz anderes) also lässt uns die gänzlich freie Zeit. Frei von Sinnverpflichtungen, frei von den Verlockungen unverrichteter Arbeit, Fernsehen (das uns ja erstaunlicherweise auch als sinnvoll erscheint, uns nicht mit dem Gefühl quält, etwas tun zu müssen, bestenfalls danach, also Sinnhaftigkeits-Reue sozusagen, die Zeit sinnvoll genützt haben zu können), et cetera. Diese Zeit also, die uns gänzlich frei (weil ja schon durch sich fortbewegen sinnvoll gemacht) geschenkt wird, können wir mit jeglicher nicht-Aktivität verbringen ohne durch zuruf des Sinn-Gewissens gemahnt zu werden..
Nachdenken, zum Fenster hinausschauen auf die verschiedenen Geschwindigkeiten vorbeifliegender Landschaftsebenen, Musikhören (einfach nur Musikhören!), was auch immer, völlig frei, völlig losgelöst - nichtstuend und doch beschäftigt.

view comments - permalink: http://differentspace.com?id=277