Über Nino Cerruti, den Shopping-Wahn und Individualismus
published on 2008-11-16 00:00:00 by juergen in deutsch.
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Im Rondo vom Freitag ist ein Interview mit dem Designer Nino Cerruti zu lesen in dem munter über unsere Kultur aus Individualisten und Shopping-Wahnsinnigen sinniert wird.

Nach dem allgemeinen Shopping-Wahn gefragt, der hier einfach mal konstatiert wird, sagt Herr Cerruti:


Es ist eine Frage der eigenen Proportionen. Heute ersetzt man den ganzheitlichen Menschen durch das, was er macht, welchen Job er hat und wie viel Macht damit verbunden ist. Produkte haben angefangen, uns zu dominieren und ein Eigenleben zu entwickeln. Das Gefühl, das damit einhergeht, ist Gier.
(Nino Cerruti, Rondo 14/11/2008)

Etwas später dann nach seiner neuen Firma gefragt, charakterisiert er seine Marke mit zeitgemäß, elegant, aber immer mit einem gewissen Witz, und meint weiters,


Es geht in vielen Lebensbereichen nicht mehr darum, rein funktionale Möbel zu gestalten, sondern um Möbelstücke, die eine Atmosphäre schaffen.
(Nino Cerruti, Rondo 14/11/2008)

So sehr ich also Herrn Cerruti in Bezug auf die Funktionalität von Möbel zustimme, bin ich mit anderen Aussagen nicht einverstanden. Also, nicht die Tatsache, dass er seine Marke als zeitgemäß charakterisiert, also nach seiner Auffassung einer Form von Harmonie, die früher herrschte und die es heutzutage nicht mehr gibt folglich entbehrend, nein. Vielmehr bin ich mit der Diagnose eines allgemeinen Shopping-Wahns unserer Zeit/Gesellschaft, die im Interview völlig unhinterfragt bleibt und einfach als gegeben in den Raum gestellt wird, sehr unzufrieden, kann ich eine solchen in meinem Umfeld nicht erkennen. Shopping als Selbstzweck, wie es hier dargestellt wird, ist längst obsolet. Eingekauft (alleine der Begriff shopping ist ja schon ein Unwort geworden) wird, als Mittel zum Zweck. Und der ist - wenn man den Zeitgeist schon kritisieren will - Selbstdarstellung. Die Produkte dominieren uns keineswegs, wie Cerruti meint, sie werden vielmehr benutzt um sich zu definieren, oder besser, zu profilieren.

Und dann noch der Individualismus, der als eine der neuen Todsünden und als grassierend bezeichnet wird. Was ist eigentlich das immer wieder kommunizierte Problem mit dem Individualismus? - Fragen wir uns zuerst einmal was eigentlich Individualismus ist. Individualismus, im postmodernen Sinn nämlich, bedeutet nicht, eine Lehre, die dem Einzelwesen in der Gemeinschaft den Vorrang gibt, also das Gegenteil von Kollektivismus, sondern eine persönliche Geisteshaltung, bei der möglichst eigenständige Entscheidungen und Meinungsbildungen angestrebt werden, gleichgültig ob sie konform zum gesellschaftlichen Kontext sind oder nicht, also das Gegenteil von Konformismus. Eigentlich nicht schlecht. Der Zusatz gleichgültig ob sie konform zum gesellschaftlichen Kontext sind oder nicht ist jedoch mit Vorsicht zu genießen, muss man sich erstens fragen, ob es in einer individualistischen Gesellschaft diesen Kontext noch gibt und ob die Konformität mit der Gesellschaft wirklich gleichgültig ist (besonders bei manchen sogenannten Jugendkulturen drängt sich der Verdacht auf, sie sei es nicht). Ist sie es nicht mehr, kann dies dazu führen, dass Handelsmaximen angenommen werden, die den eigenen Wervorstellungen eigentlich wiedersprechen, was schlecht wäre. Aber zurück zur Mode- und Designbranche, da sind es genau Cerrutis verteufelte Individualisten, die seine Produktionen kaufen und seine Kritik wird genau wie seine halbherzigen Versuche sich aus der Frage Wie können sie in einer Industrie arbeiten, die unterstützt, was Sie gefährlich finden? herauszuwinden ziemlich schnell ziemlich Scheinheilig.

Individualismus also - böse oder gut? Nun, wie immer kommt es wohl auf die Dosierung an - Die Menge macht das Gift - und auf die Intention, die dahinter steht, bin ich immer auf Individualität (als Selbstzweck) bedacht, oder gehe ich lediglich nicht immer konform mit den als moralisch, also in der Gesellschaft akzeptiert, propagierten Werten. Vielleicht sollte man besser Nonkonformismus sagen, wobei, am Ende ist es nur ein Wort. Passen wir auf, dass es nicht zum Unwort wird.

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