„Kassandra im Hobbykeller“
published on 2011-04-01 21:13:14 by Jürgen Buchinger in deutsch.
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Na, da hat wohl jemand die Süddeutsche Zeitung gegen sich aufgebracht. Soll es ja immer wieder mal geben, allerdings ist in diesem aktuellen Fall weder der Anlass noch die Reaktion angemessen. Während es hier ja noch einigermaßen gesittet zugeht und man sich nur fragt (ich mich zumindest) warum sich die eigentlich so aufregen - sie, dass sind Olaf Przybilla, Hans Holzhaider und Hilmar Klute und sie tun es weil Priol offenbar im Kontext der Warnung vor einer möglichen neuen RAF sagte: „Einer wie der Brüderle, der ‚textet die doch so zu, bis die den Kofferraum aufsperren und sagen: Bitte geh', bitte, bitte geh.‘“[1] - da haben wir wahrlich schon schlimmeres gehört, aber es sei ja jedem gestattet sich seine Grenze des Anstands zu setzen wo er meint. Während also dieser erste Artikel (in meiner Lesereihenfolge) diese sonst von mir geschätzte Zeitung lediglich etwas spießiger hätte erscheinen lassen, gibt es da noch zwei andere die die gesamte Berichterstattung der SZ zu diesem Thema nun selbst „sehr an eine Grenze“[1] gehen lassen, allerdings ist es nicht nur die des guten Geschmacks.

„Priol hetzt gegen Brüderle“ titelt ein anderer Artikel und nach dem bisher über das Thema Gelesenen, erstaunt der Vorwurf der Hetze schon etwas. Hans Holzhaider schreibt weiter „Zur Ehrenrettung des Publikums muss man sagen, dass niemand lachte, und dass etliche Pfiffe zu hören waren. Die angemessene Reaktion wäre gewesen, Priol in derselben Sekunde das Mikrofon aus der Hand zu nehmen.“[2] Ob wirklich niemand lachte kann ich nicht beurteilen, ich war ja nicht dabei, in [1] allerdings hörte sich das noch etwas anders an. Wie dem auch sei, ihm in derselben Sekunde das Mikrofon aus der Hand zu nehmen ist wohl eine allzu offensiv restriktive Reaktion, gerade, wenn sie im Kontext der Ereignisse von 1977 auftaucht. (Obwohl sich dieses Thema einmal näher zu betrachten sicher lohnen würde, will ich jetzt nicht näher darauf eingehen, da mir hierzu noch das Hintergrundwissen fehlt.) Allerdings, ich bin - wie auch Urban Priol laut Holzhaider - „vielleicht zu jung, um die Dimension dieser Verbrechen zu erfassen“[2].

Der Beitrag von Hilmar Klute mit dem programmatischen Titel „Kassandra im Hobbykeller“ vom 31.03.2011 ist auch der, der das Verfassen dieses Beitrags hier ausgelöst hat. Und er lohnt sogar eine ausführlichere Textanalyse (alle folgenden Zitate aus [3]):

Der Artikel verfolgt den Angriff gegen Urban Priol auf mehreren Ebenen. Zum einen ist da die inhaltliche, wo sich zwei Hauptlinien ausmachen lassen, die durch den ganzen Text verfolgt werden: Nach der Einleitung, die uns mit „Er macht Kabarett auf dem kleinsten intellektuellen Nenner.“ gleich auf den Duktus des Textes einstimmt, folgt – eingeleitet durch eine Erinnerung an Priols Vorgänger beim ZDF, Dieter Hildebrandt, als historisch verklärte Hintergrundfolie und Kontrastmittel zu Urban Priol – die erste: Urban Priols Kabarett ist keine Kunst. Es ist im Gegensatz zur „Kunstanstrengung“ des „alten deutschen Fernsehkabaretts“ eine „von hilfloser Hampelei und sprachlicher Verlotterung bestimmte Vulgärsatire“. Die zweite Linie ist schlicht eine generelle Abwertung Priols und seines Publikums. Priol sei „ein entfesselter Keifer, eine affektierte Heulboje mit eingebautem Politikerhass“, das Gegenteil von witzig, klug und großartig und ein „unzureichend durchbluteter Politclown“, vor allem aber „kein Provokateur“; sein Publikum „priolsüchtig-affirmative Klatschmaschinen“ und „entfesseltes Spießbürgertum“; das Programm aus seiner „ungölten Wortmaschine“ „primitive, der Dumpfheit aufs Engste verbundene Darbietung“ und „von jeder Kunstanstrengung freies Idiosynkrasie-Gebrüll“.

Zum anderen arbeitet der Text auch auf der formalen Ebene gegen Urban Priol. Durch literarisch ausgefeilte Figuren und (manchmal übertrieben) gehobenes Vokabular versucht Hilmar Klute sich in der Zeit der „pointierten Bloßlegung von Staatsrhetorik“ und „bemerkenswerter Sprachartistik“ zu verorten. Er will sich so deutlich wie möglich abgrenzen von Priols „dilettantischen Suaden“ und von all den „schlecht informierten, unsauber zielenden, ästhetisch flächendeckend unbeleckten, verschwitzten Polit-Witzarbeitern“, die im Fernsehen heutzutage ihr Unwesen treiben.

Nun ist gegen eine sprachlich elaborierte Berichterstattung freilich nichts einzuwenden, ganz im Gegenteil (zwar bin ich auch hier zu jung um es aus persönlicher Erfahrung zu wissen, doch lassen ältere Zeitgenossen beizeiten durchblicken, dass es mit der Sprachkompetenz heutzutage immer schlechter aussieht). Die Elaboriertheit der Sprache wirkt allerdings hier – nicht zuletzt aufgrund ihrer Instrumentalisierung um Priol zu diskreditieren – gestelzt, das Lesen hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Klute fehlt genau der „kunstvolle Dilettantismus“ und die „klug ausgesteuerte Selbstminimierung“, die er an den Kabarettisten der alten Schule so schätzt.

Immerhin, er steht damit nicht auf dem „wohlplanierten Feldherrenhügel der Meinungshoheit“ sondern ist „selbst Teil seines Redens“, wie er es auch von politischen Kabarettisten fordert. Er ist es allerdings unabsichtlich geworden: Wenn er Priol, gegen die Guttenberg-Unterstützer „schäumend“, zitiert – „Hier verteidigen adelsbesoffene obrigkeitshörige Untertanen-Würstchen auf Facebook die verlorene Ehre eines arroganten blasierten…“ (Urban Priol, zit. n. [3]) – dann muss ich hier noch einmal extra darauf hinweisen wessen Zitat das nun ist, so sehr wirkt es wie eine mise en abyme seines eigenen Texts und ist in dieser ungewollten Selbstreflexivität auch die pointierteste Kritik desselben.

Wieso sich die Süddeutsche Zeitung so gegen Priol echauffiert, ich weiß es nicht, spätestens mit dem gestrigen Artikel allerdings, begann das Ganze unter deren sonstige Integrität zu sinken.

[1] http://www.sueddeutsche.de/muenchen/urban-priol-auf-der-anti-atomkraft-demo-der-provokateur-1.1078485
[2] http://www.sueddeutsche.de/muenchen/demonstration-gegen-atomkraft-priol-hetzt-gegen-bruederle-1.1078274
[3] http://www.sueddeutsche.de/kultur/kabarettist-urban-priol-kassandra-im-hobbykeller-1.1079641

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