Warum man The Act of Killing nicht zeigen sollte
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Nachdem ich den Film The Act of Killing gesehen hatte, musste ich das Kino wutentbrannt verlassen. Nicht nur weil ich mit einem "der schlimmsten Massenmorde des 20. Jahrhunderts" (Jochen Reinert) konfrontiert wurde, sondern vor allem, weil ich erkennen musste, dass ich durch das Ansehen des Filmes genau jene Machtverhältnisse unterstützte, unter denen dieser Massenmord stattfand.
Diesen Film zu zeigen widerspricht jeder Ethik, weil der Film jeder Ethik widerspricht. Er trägt dazu bei, dass die Täter weiterhin die Unterdrücker in ihrem Land bleiben können und er verhöhnt die Opfer und deren Angehörige. Die eindrücklichste Szene ist vielleicht jene, in der der Nachbar des Massenmörders Anwar Congo die Geschichte seines Leids erzählt. Sein Stiefvater wurde von denselben Menschen ermordet, für die er jetzt im Film noch einmal das Opfer spielen darf. Und sie sind sich einig: Seine Geschichte wird nicht erzählt werden. Was hat sich Joshua Oppenheimer dabei gedacht, den Tätern eine Stimme zu geben und dabei vor laufenden Kameras, für seinen Film, den Opfern zu verweigern, gehört zu werden? Sie dürfen anstatt dessen zur Glorie der Täter in die Opferrolle schlüpfen und wir müssen mitansehen, wie ein Mensch an dieser Ungerechtigkeit zerbricht.
Auf der anderen Seite lässt es Oppenheimer bereitwillig zu, dass sich die Ausführenden der Massaker als Opfer darstellen; er macht es sogar selbst in dem unsäglichen Schluss des Filmes, wenn er Anwar Congo zeigt, wie er an dem Ort, an dem er seine Opfer hingerichtet hat, scheinbar vom Würgereiz erfasst wird und dann, nach der langen Würge-Szene, langsam mit gesenktem Kopf die Treppe hinuntersteigt. Ein reuiger, armer alter Mann.
Nachdem die Szene, wo ein Dorf niedergebrannt werden soll, die Frauen und Kinder verjagt und vergewaltigt, gedreht wurde, sieht man verstörte Kinder, die nicht aufhören können zu weinen. Auch das nimmt Oppenheimer in Kauf, für das hehre Ziel des Filmes. Aber was ist das eigentlich? Die Verantwortlichen endlich zur Rechenschaft zu ziehen? Die Gräuel endlich aufzuarbeiten? Im Gegenteil.
Joshua Oppenheimer zeigt unverblümt wie sein eigener Film bereits bei der Entstehung für die Propaganda der paramilitärischen Jugendorganisation verwendet wird, die massgeblich an den Massakern beteiligt war. Spätestens hier hätte er erkennen müssen, dass sein Konzept nicht aufgegangen war und hätte das Projekt beenden müssen. Spätestens hier muss jeder, der den Film gesehen hat, erkennen, dass Oppenheimer, weit davon entfernt die Täter blosszustellen, ihre Position stärkt und dazu beiträgt, dass sie weiter Angst und Terror verbreiten können.
Es braucht schon sehr viel Gutgläubigkeit um (selbst in einem offenbar auf die westliche Welt beschränktem Horizont) zu glauben, dieser Film würde irgendwie zur Aufarbeitung der Geschehnisse zwischen 1965 und 1966 beitragen. Selbst wenn man durch die verschiedenen Opfer- und Täterkonstruktionen in The Act of Killing blickt, selbst wenn man als Angehöriger der westlichen Welt die Täter für ihre Grausamkeit und ihre Morde zur Rechenschaft gezogen sehen will – wie der Film in Indonesien bereits nur durch sein gedreht werden gewirkt hat, hat er selbst gezeigt.
Die Szene mit Congos Nachbar kann als die Essenz des Filmes gelesen werden: Mit einer abwehrenden Handbewegung wird den Opfern ihr elementarstes und wichtigstes Bedürfnis abgesprochen: Eine Stimme zu bekommen und gehört zu werden.
Damit vertritt der Film keine Meinung, der man zustimmend oder ablehnend gegenüberstehen kann, er stellt keine Wahrheit zur Disposition, oder wirft Fragen auf, sondern er tut etwas. Den Film zu machen war eine Handlung, indem der Film gedreht wurde, hat er zur Unterdrückung beigetragen. Jeder, der ihn zeigt, unterstützt diese Unterdrückung.