Was glücklich macht, ist gratis. Wenn man zur globalen Elite gehört
deutschpoliticsauswuechse der gesellschaftla revolucionschweizkulturkritikkapitalismus
Andreas Thiel hält ein Plädoyer für die freie Marktwirtschaft und den Kapitalismus in der NZZ. Sie seien das einzige System, das Freiheit bringe. Das Gegenteil ist der Fall.
Frei ist der Mensch nur im Kapitalismus, schliesst Andreas Thiel seinen Beitrag vom 16.9. in der NZZ, und Glück findet man nur in der Freiheit, erklärt er im Rest seines Artikels. Doch welche Freiheit ist es, von der Thiel spricht? Es ist die Freiheit des Kapitals und die Freiheit der Privilegierten. Denn wirklich frei ist im Kapitalismus nur der Waren- und Kapitalverkehr. Das Thiel sich frei fühlt, in einem System, in dem mehr Geld auch mehr Möglichkeiten bedeutet, ist nicht verwunderlich: Er ist in dem Land aufgewachsen mit dem vierthöchsten BIP/Kopf. Dass andere Menschen ihr Leben riskieren um jene Grenzen zu überqueren, die für Thiel schlicht inexistent scheinen, würde ein Blick in die täglichen Nachrichten zeigen.
Genauso übersieht Thiel, dass die durch die Konkurrenzsituation des freien Marktes bis zur Perfektion verbesserte Schokolade zwar für ihn als Konsument ein Glücksversprechen bereithält, für viele Menschen auf dem langen Weg ihrer Produktion aber das Gegenteil bedeutet. Denn das Ziel der Optimierung im Kapitalismus ist nicht die beste Qualität sondern die höchste Rendite. Und dazu wird zunächst einmal versucht, die Produktionskosten zu senken, das heisst wo möglich Löhne zu kürzen und Umweltauflagen zu umgehen. Noch immer ist der Fair-Trade-Anteil in der Kakao-Produktion vernachlässigbar klein, der Anteil biologischen Landbaus noch kleiner.
Doch in einem Punkt Thiel hat recht: Freiheit alleine macht nicht glücklich. Dazu braucht es auch Gerechtigkeit. Und um das fundamentale Bedürfnis des Menschen nach Gerechtigkeit zu befriedigen, gibt es Gesetze und Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Thomas Hobbes nannte es einen «Gesellschaftsvertrag», in den das Individuum als Mitglied der Gesellschaft eintritt um dem rechtsfreien Raum des Naturzustandes zu entkommen. Er sollte, von ihren Mitgliedern ausgehandelt, das moralische Regulativ einer aufgeklärten Gesellschaft sein. Nicht die tradierten Ideale einer immer schon hierarchisch aufgebauten Institution wie der katholischen Kirche.
Gerechtigkeit bedeutet auch Gleichheit und um die ist es schlecht bestellt im globalen Finanzkapitalismus. Der Grad der Freiheit des Einzelnen wird zum grössten Teil durch seine Geburt bestimmt, noch immer ist das Erbe die wichtigste Ursache von Reichtum und es ist kaum möglich, durch harte Arbeit wohlhabend zu werden, so wie die Mär des Kapitalismus es vorgaukelt. Noch immer sind rund eine halbe Million Schweizer von Armut betroffen (nochmal: in dem Land mit dem vierthöchsten BIP/Kopf). Der Sozialismus verspricht nicht Gratisschokolade, wie Thiel schreibt, sondern er verspricht allen die Möglichkeit, sich auch ab und zu Schokolade leisten zu können. Und dafür verlangt er denen, die durch den prosperierenden Staat und seine Infrastruktur (und in den meisten Fällen durch den Reichtum der Eltern) zu Wohlstand gekommen sind, Solidarität mit jenen ab, denen diese Möglichkeit unverschuldet verwehrt blieb. Das ist keine «Zwangsphantasie» sondern ein Grundpfeiler menschlichen Zusammenlebens und – nebenbei bemerkt – auch die Nächstenliebe der katholischen Kirche, des Thiel'schen moralischen Regulativs.
Nur wer die Ellbogenmentalität des kapitalistischen Konkurrenzkampfs verinnerlich hat, kann Nächstenliebe und Solidarität als Zwang oder Unfreiheit abtun. Und nur der kann auch zu den Gewinnern des kapitalistischen Systems gehören. Und nur die Gewinner sind frei im Kapitalismus, nur sie können es sich leisten, durch Verzicht glücklich zu werden. Nur sie haben die Möglichkeit, ohne Sorgen die Schönheit der Natur zu geniessen, bunte Herbstwälder zu durchwandern und Sonnenuntergänge zu bewundern. Eigentlich ist es erstaunlich, dass man überhaupt glücklich werden kann, in einem System, welches auf dem Unglück der Vielen zugunsten des Glücks der wenigen aufbaut. Andreas Thiel kann es. Vielleicht hat er in seiner Analyse aber eine notwendige Bedingung dafür unterschlagen: Das Ignorieren der Masse all jener, die durch dieses System unglücklich gemacht werden.