Asylprobleme
deutschpoliticsoesterreichauswuechse des establishmentseukulturschweizasylkulturkritik
Der Grad an Toleranz, mit dem eine politische Kultur der Barbarei gegenübersteht, offenbart sich nicht durch die Aussagen Einzelner, die offenbar in den politischen Randbereichen der Barbarei angesiedelt sind, sondern in den Reaktionen auf deren Äusserungen durch jene, welche sich am anderen politischen Ende verstehen. An der Schärfe ihrer Reaktion kann man erkennen, wo die politische Mitte angesiedelt ist, an ihrer Empörung den moralischen Verfall einer politischen Kultur bemessen. Wenn etablierte linke Politiker rechte Entgleisungen nur mehr "problematisch" finden, gefolgt von einem Konzessivsatz, den sie als ihrer politischen Ideologie verhaftete Idealisten nicht einmal alleine ausgesprochen hätten, dann legen sie offenbar, wie weit diese Mitte aus dem Gleichgewicht gelangt ist.
Sie ist es gleichsam in höchstem Masse und es ist wahrlich erschreckend, wie weit die Barbarei Einzug gehalten hat in das politische Tagwerk. Die letzte Messlatte dafür hat eben die kleine Stadt Bremgarten gelegt, indem sie den dort einquartierten Asylwerbern verbot, öffentliche Badeanstalten, Sportplätze und Schulgebäude zu betreten. Zum Schutz der Bevölkerung. Man fragt sich unwillkürlich, wovor die nämliche Bevölkerung Angst hat.
Das in ihnen eine Angst vor diesen Fremden sitzt, ist der irrationalen Leier gnadenloser Populisten geschuldet, die damit über ihren Mangel an relevanten Inhalten hinwegzutäuschen versuchen. Dies ist für all jene, die sich nicht von ihnen täuschen lassen ebenso offensichtlich, wie diese Angst symptomatisch ist. Die solchen Entscheidungen zugrunde liegende Angst ist eine viel tiefer sitzende. Eine verdrängte Angst, die aber – deswegen – immer wieder in geradezu neurotischen Schüben hervorkommt und sich in der politischen Abreagierung in Gesetzen wie dem nämlichen äussert. Man bestätigt sich gleichsam selbst die Rechtmässigkeit seines Weltbildes. Trotzdem ist an den Auswüchsen zu erkennen, dass es schwankt.
Die wahre Angst vor Asylwerbern ist die, zu erkennen, dass sie nicht sind, was eine solche Politik ihnen vorgibt zu sein. Es ist die Angst davor, seinem Kind erklären zu müssen warum jenes andere plötzlich nicht mehr da ist, die Angst, unmittelbar erkennen zu müssen, das der Nachbar verschwunden ist und sprachlos zu sein angesichts der Tatsache, dass man die Antwort weder seinem Kind noch nicht einmal sich selbst zu geben im Stande ist: Weil sie gezwungen wurden, in ein Flugzeug zu steigen und dorthin zu fliegen, woher sie aus Angst um ihr Leben gekommen sind.
Der kognitiven Dissonanz, die daraus entsteht, einem politischen System, das diese Situationen produziert, affirmativ gegenüberzustehen, deren Existenz aber gleichzeitig vor sich selbst leugnen zu müssen, hält man nun den naheliegendsten Abwehrmechanismus entgegen: Verdrängung. Warum man Asylwerber in abgelegene Heime steckt und ihnen durch Veranlassungen wie die eben genannten auch den Zugang zum sozialen Leben ausserhalb der Asylwerber-Blase verschliesst, kann nur den einen Grund haben: um nicht mit ihnen konfrontiert zu werden. Es ist die Scheu vor der Konkretheit der Erfahrung, vor der Unmittelbarkeit eines menschlichen Gegenübers, wegen der man versucht, diese Personen solange auf Distanz zu halten, bis sie still und leise wieder aus dem eigenen Einflussbereich geschafft werden können. Dass sie "Personen [sind], deren Gesuche kaum Chancen auf Erfolg haben" verkürzt die Wartezeit, dass man sie zu Zeiten der minimalsten öffentlichen Aufmerksamkeit, Nachts an Wochenenden im Sommer in ihre Flieger zwingt, erspart der Öffentlichkeit die weitere Konfrontation.
Sie bleiben so Gespinste der Zeitungen, universelle Konstrukte aus Nachrichtengeschichten, die sich zu einer Allgemeinheit namens "Asylwerber" verdichten, die niemals individuell und damit niemals konkret und unmittelbar werden kann. Dadurch wird jede Möglichkeit zur Empathie entzogen. Weil das politische System aus dem Gleichgewicht gekommen ist, verkennt es das Problem. Indem das eine Ende des politischen Spektrums nicht müde wird, dessen Dringlichkeit zu betonen und das andere Ende mit gutem Willen seine Existenz leugnet, schlagen sie dennoch beide in dieselbe Kerbe: Das Problem liegt bei denen, die davon betroffen sind. Damit verkennen sie das wahre Problem mit Asylwerbern. Es liegt in der mangelnden Empathie jener, die nie einen zu Gesicht bekommen.
Die traditionell rechten Populisten verstehen es, diese mangelnde Empathie in Antipathie umzuwandeln und gründen darauf ihr politisches Potential während die etablierte Linke sich soweit in die Mitte begeben hat, dass ihr Dagegenhalten nur ein scheinbares ist. Es berührt das Wesen ses Problems nicht, sondern nimmt es als gegeben hin und verliert sich in der Ausdifferenzierung seiner Aspekte. Das wahre politische Gegengewicht wäre eines, das gegen beide hält. Es müsste die Barbareien in der politischen Kultur offenlegen und würde das politische Spektrum in seiner Bandbreite wieder herstellen. Da die Wähler mit dem politischen System mit gekippt sind, erscheint ihnen dieses Gegengewicht aber zu weit entfernt um sie zu erreichen. Durch ihre eigene Schlagseite glauben sie darin Radikalität zu erkennen, wo früher ihr Gegenüber gewesen wäre. So droht die Schlagseite Resonanz zu gewinnen und das ganze System zu kippen. Vielleicht wird die Historie ihren Nutzen entfalten können, wenn sie kurz bevor es zu spät ist der Gegenwart den Spiegel der Vergangenheit vorhält. Hoffen wir, dass jene sich in dieser erkennt.